Alte News- und Kommentare aus MEBIS:
5.8.2001
- Flaues Sommergeschäft überall - aber immerhin nimmt
die Piraterie in Deutschland minimal ab. Aus Kreisen befreundeter
Studenten ist immer häufiger von CDs zu hören, die sich
nicht brennen lassen - und hin- und wieder findet sich auch schon
mal jemand damit ab, daß er halt doch bezahlen muss, um
Musik zu hören.
- Die Lage der Musikbranche hat sich deutlich weiter
verschlechtert. Die erwarteten Verkaufszahlen befinden sich weiter
im Sturzflug, da CD-R-Kopien und teilweise auch Internet-Piraterie
weiter fortschreiten. Allerdings kommen diese Probleme jetzt auch
bei vielen anderen Inhalte- (oder muss man jetzt "Content" sagen)
Branchen auf. Die Film- und Videobranche sowie die
Softwarebranchen sind inzwischen auch stark betroffen und
gefährdet.
- Immerhin beginnen jetzt einige Musikfirmen damit, zumindest
minimale Schutzvorkehrungen gegen CD-Rs zu unternehmen, indem sie
Audio-CDs so kodieren, daß sie auf CD-ROM-Laufwerken nicht
mehr erkannt werden. Solche Systeme sind zwar kein wirklich guter
Schutz, aber stellen zumindest eine geringe Hemmschwelle gegen das
Kopieren durch absolute Computerlaien dar.
- Unter diesem Aspekt ist auch das XP-Konzept von Microsoft zu
sehen. Im Gegensatz zu der Vorstellung einiger naiver Journalisten
interessiert sich niemand wirklich für detaillierte
persönliche Daten - aber XP hat Registrierungs und
Kopierschutzfunktionen integriert, die die Seuche der Raubkopien
verhindern sollen. Solche Funktionen können (wie bei Musik
und Filmen auch), nur über "Personalisierung" der
spezifischen Softwarekopie erfolgen - und damit wird die Welt in
Zukunft leben müssen. Die Frage, ob der Konsument das
akzeptiert, hat sich als irrelevant erwiesen, weil man auch Fragen
muss, ob der Lieferant etwas akzeptieren kann. Und keine
Softwarefirma (Software im weitesten Sinn schliesst Musik und
Filme sowie Texte mit ein) kann sich leisten, ständig beklaut
zu werden. Und inzwischen hat man auch entdeckt, daß reine
Werbefinanzierung langfristig auch nicht funktioniert. Selbst die
meisten Radio- und TV-Programme in Deutschland sind keineswegs nur
werbefinanziert, sondern "Zwangs-Payradio und Zwangs-Pay-TV", da
jeder Bürger mit Radio/TV Gebühren bezahlen muss.
- Im Bereich DRM und Kopierschutz gibt es einige Fortschritte -
Realnetworks, IBM, Intertrust und viele andere arbeiten an einer
Standardisierung und Interoperabilität, die das jetzige
Problem lösen sollte, daß es nicht zuweing, sondern zu
viele verschiedene Schutz- und DRM-Systeme gibt, die nicht
miteinander kompatibel sind.
- Interust hat Microsoft wegen 2 Patentrechtsverletzungen
verklagt. Ich halte es für recht gut möglich, daß
die Klage erfolgreich ist. Betrachtet man die historische
Entwicklung von Kopierschutz- und DRM-Verfahren, so sieht man,
daß Intertrust bereits 1992 solche Systeme entwickelte, als
Microsoft noch öffentlich das Internet für chancenlose
Spinnerei erklärte. Inzwischen gibt es das Internet aus Sicht
von Microsoft, weil der Ober-Visionär Gates es dann auch
entdeckt hat und sich jetzt als sein Erfinder darstellt.
- MP3.com wird zu fast dem historischen Niedrigstkurs von
Vivendi-Universal übernommen. Da die Firma sich zumindest in
dem letzten Jahr deutlich mehr Mühe gegeben hat als Napster,
sei es den Aktionären gegönnt, daß sie mit einem
blauen Auge davon gekommen sind.
- Aktuelle Artikel von Alex Merck sind inzwischen in zwei
weiteren Fachzeitschriften an guten Kiosken erhältlich: -
Medien-Bulletin und
Audio-Professional
16.3.2001
- Die Schäden durch CD-Brennen sind in Europa so groß
geworden, daß es keinen Sinn mehr macht, die hohen
Werbeausgaben für den Aufbau eines neuen Musikers
aufzubringen. Das führt dazu, daß die
größeren Firmen in Deutschland fast nur noch mit
TV-Stars (Big-Brother etc.) arbeiten. Deren CDs werden meistens
nicht wegen der Musik, sondern als Fan-Sammlerobjekte gekauft und
sind deshalb nicht so extrem von Kopien betroffen wie CDs, die
wegen des Musik-Genusses gekauft werden. Schlechte Zeiten für
Musiker.
- Napster wurde ausgerechnet von dem Berufungsgericht,
das die Schliessung letztes Jahr aufgehoben hatte, noch
härter verurteilt, als es ursprünglich schon ausgesehen
hatt. Die Richter hatten sich monatelang mit den Argumenten beider
Seiten beschäftigt und stellten schliesslich fest, daß
- - es für alle derartigen Internet-Aktivitäten
schon lange Entsprechungen im traditionellen Handel ohne
Internet gibt
- - die Nutzer, die selbst Stücke erhältlich
machen, aus mehreren Gründen strafbar sind
- - Napster von der Beihilfe zu diesen Straftaten profitiert
hat und sehr wohl wissen konnte, daß Straftaten begangen
werden
- Interessant war in der ausführlichen
Urteilsbegründung, daß offensichtlich mindestens ein
Richter etwas sauer über die Arroganz der Internet-Vertreter
war, die davon ausgingen, daß alle bisher existierenden
Regeln von Gesetz und Wirtschaft durch das Internet aufgehoben
seien und daß Richter zu dumm wären, das Internet zu
verstehen.
In Belgien kam es in der Woche der Urteilsverkündung zu ca.
1.200 Hausdurchsuchungen bei Napster-Usern, die viele Tracks zum
Tausch angeboten hatten. Da mit einem Gerichtsbeschluss auch
Telekom-Firmen und ISPs zur Offenlegung der notwendigen Daten
gezwungen werden können, lässt sich jeder Napster-User
mit etwas Arbeit feststellen - so daß wohl auch in den USA,
Deutschland und vielen anderen Ländern mit Strafanzeigen und
Schadenersatz-Zahlungen zu rechnen ist.
Urheberrechts-Verstösse wie das Verbreiten von Musik
über Napster sind keineswegs kleine Ordnungswidrigkeiten,
sondern in den meisten zivilisierten Ländern massive
Straftaten.
- Einen detaillierteren Artikel zum Thema Napster-Urteil kann
man in der April-Ausgabe der Zeitschrift "Medien Bulletin"
finden, die ab ca. 10.April in guten Zeitschriftenläden zu
bekommen ist.
8.1.2001
- Weiter allgemeine Krisenstimmung in der Branche, da man jetzt
zwar die Jugendsünden aus den 50er Jahren erkannt (das
Produkt Musik wird durch kostenlose Radiosendungen entwertet und
die Kunden sind bei immer mehr Radio- und Internet-Sendern kaum
bereit zu zahlen), aber es ist noch nicht klar, wie man die Lage
wieder bessern kann. Dieses Problem wird noch dadurch
verstärkt, daß über Jahrzehnte die Propaganda
für Stars auch dazu geführt hat, daß das Publikum
sowohl die Musiker beneidet als auch unglaubliche (und nicht
exisitierende) Gewinne bei den Musikfirmen unterstellt.
- mp3.com hat sich geeinigt und es besteht die Hoffnung,
daß aus "my.mp3.com" ein legaler, interessanter Sender wird.
Vielleicht ist der Firmengründer Michael Robertson ja doch
lernfähig. Wie man bei der Firma allerdings Geld verdienen
will, ist noch nicht klar.
- BMG hat sich an Napster beteiligt und die Website soll in eine
legale Form umgewandelt werden. Das Potential ist gut, aber es
entsteht der verdacht, daß Napster nur geschaffen wurde, um
die Musikbranche zu erpressen. Da die Firma kein anderes
erkennbares Geschäftsmodell vorweisen konnte, kommt man
leicht auf diesen Gedanken. Beim einen oder anderen Musiker
könnten hier Rachegedanken entstehen...
- Die Schäden durch angeblich "private" CD-Kopien nehmen
weiter dramatisch zu. Gleichzeitig wirkt sich das auch schon auf
die Musiker sehr negativ aus: fast alle Plattenlabels haben
aufgehört, irgendwelche neuen Musiker unter Vertrag zu
nehmen. Man veröffentlicht nur noch Alben etablierter Musiker
sowie ein paar Eintagsfliegen (z.B. "Big Brother Stars"), deren CD
nicht wegen der Musik gekauft werden, sondern reine Andenken sind.
Da bei solchen CDs eine Raubkopie keine große Gefahr
darstellt, ist so etwas das einzige relativ sichere Geschäft
für Plattenlabels.
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