MEBIS-Bericht
Vom 19. bis 23.Januar 2003 fand in Cannes an der französischen Mittelmeerküste zum siebenunddreißigsten Mal die wichtigste Musikmesse der Welt statt, die MIDEM. Im Gegensatz zur Frankfurter Musikmesse (bei der es nicht um Musik, sondern um Musikinstrumente geht) und der PopKomm (die speziell auf den deutschen Markt bezogen ist) handelt es sich hier um eine internationale Fachmesse für Musikverlage, Plattenfirmen und Produzenten, bei der Lizenz- und Vertriebsverträge ausgehandelt werden und neue Gruppen oder Aufnahemen potentiellen internationalen Geschäftspartnern vorgestellt werden. Durch hohe Eintrittspreise wird dabei bewusst dafür gesorgt, dass fast nur ernsthafte Besucher und keine CD-Abstauber oder Schaulustige auftauchen, die den Teilnehmern Zeit und Material stehlen könnten. Trotzdem hatte die MIDEM auch in diesem Jahr über 10.000 Besucher aus fast 100 Ländern, zu den fast alle asiatischen Staaten und inzwischen auch manche afrikanischen Länder gehören.
Zur Gesamtveranstaltung, die seit Jahren von der Reed-MIDEM Organisation sehr professionell durchgeführt wird, gehören drei Bereiche &endash; eine Ausstellung (mit ca. 300 Ständen, die zum Teil Gemeinschaftsstände von Ländern oder befreundeten Firmen sind), ein Kongress mit Podiumsdiskussionen und Workshops sowie eine große Anzahl von Konzerten aller Stilrichtungen, bei denen man sich von der Qualität der Musiker überzeugen kann. Zusätzlich trifft man sich zu Gesprächen an den Bars der drei wichtigsten Luxushotels (Martinez, Carlton und Majestic) und beim Abendessen in einem der vielen Restaurants.
Das Ausstellungsgelände dient zur Präsentation der Produktionen der Firmen und an den Ständen werden Gespräche über Lizensierungen zwischen Firmen geführt oder auch nur Bekanntschaften gepflegt und verbessert. Dabei sind es vor allem Labels, die für fremde Länder Vertriebsverträge oder Lizenzpartner suchen &endash; und Produzenten, die Stände von möglichen Partnern für ein oder mehrere Länder besuchen, um die weltweiten Verkaufschancen ihrer Musiker zu verbessern. Viele Gespräche laufen über vorherige Terminabsprachen und Demo-CDs werden in vielen Fällen schon vor der Messe ausgetauscht, auch wenn viele Firmen noch beachtliche Demobestände und Infos für potentielle neue Partner mitbringen, die man vielleicht erst auf der MIDEM entdeckt.
Während bis vor einigen Jahren die großen Musikkonzerne (BMG, EMI, Sony, Universal und Warner) meistens einen oder mehrere Stände ihrer Labels und Musikverlagsarme hatten und neben ihnen vor allem größere lokale Vertriebe aus verschiedenen Ländern repräsentiert waren, sind inzwischen vor allem kleinere Firmen und Gemeinschaftsstände aus manchen Ländern zu sehen. Die Großfirmen waren auch in diesem Jahr durch 10 bis 30 Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern vertreten, aber nicht an eigenen Ständen, sondern meistens an verschiedenen Gemeinschaftsständen der jeweiligen Herkunftsländer.
Stände gibt es auch keineswegs nur von den reinen Musikfirmen &endash; Verlagen, Labels und Vertrieben &endash; sondern auch von deren Lieferanten wie Technologiefirmen, CD-Presswerken, Verpackungs-Spezialisten sowie von Organisationen wie der GEMA und Fachzeitschriften wie Billboard oder MusicWeek". Gemeinschaftsstände mancher Länder wiederum bieten auch kleinen Firmen die Möglichkeit, einen Platz für Besprechungen und eine Art Sekretariat für kurzfristige Terminabstimmungen zu haben, was sonst für kleine Musiklabels kaum finanzierbar wäre. In einigen Fällen wie den Ständen der holländischen und der österreichischen Musikbranche werden diese Stände auch offiziell von diesen Staaten gefördert, die sich davon bessere Exportchancen für Musik versprechen, was inzwischen auch in Deutschland geplant wird.
In den letzten Jahren hatte die Zahl der Technologie- und Internet-Firmen drastisch zugenommen und schloss unter anderem die Deutsche Telekom, IBM, Microsoft und viele kleinere Unternehmen ein, die alle Vorschläge für neue Schutzsysteme und Internet-Musikvertriebe sowie Musikportale zur besseren Vermarktung von Musik anboten. Da inzwischen viele der Firmen in Konkurs sind oder entdeckt haben, dass sie doch etwas weniger von der Musikbranche (und ihren Problemen) verstehen, als sie ursprünglich angenommen hatten, ging die Zahl dieser Stände und die Messefläche 2003 deutlich zurück. Eine Ausnahme stellte das Fraunhofer Institut IIS dar, dessen Chef Karl-Heinz Brandenburg mit seinen Teams nicht nur das Format MP3 mitentwickelt hat, sondern auch aktiv an neuen Schutzsystemen und anderen musiktechnischen Bereichen arbeitet.
typische MIDEM-Stände 2003 (Photo Antje van Hasz)
In jedem Jahr gibt es diverse Podiumsdiskussionen und Workshops zu aktuellen Themen des Musikgeschäfts. Dabei geht das Angebot von speziellen Konferenzen zu juristischen Themen (organisiert von einem Verband internationaler Entertainment-Anwälte) über Diskussionen über Probleme der internationalen Jazz-Vermarktung und anderer Nischenbereiche bis zu Informationsveranstaltungen über regionale Märkte in Asien und deren spezifische Regeln und Interessen. Ein ganzer Kongresstag (gegen Aufpreis) wird zusätzlich unter dem Namen MIDEM-NET dem Online-Vertrieb gewidmet, wobei in diesem Jahr wenig neues zu hören war, da sich in diesem Bereich im Laufe des Jahres 2002 kaum etwas geändert hat.
In diesem Jahr gab es ausserdem eine Veranstaltung unter dem Thema Ist der deutsche Musikmarkt noch zu retten?", an dem Vertreter der Produzenten, GEMA, Musikhandel, Musikverlage sowie der Verbände der Großfirmen (IFPI) und Kleinfirmen (VUT) der deutschen Tonträgerbranche teilnahmen. Leider ging die Diskussion kaum über einen Meinungsaustausch hinaus, da die Blickwinkel zu unterschiedlich waren. So forderte der Vertreter der unabhängigen Plattenläden (GDM) einen niedrigeren CD-Preis, musste sich aber den Hinweis gefallen lassen, dass dies nach mehreren Studien und Erfahrungen nicht zu einer starken Erhöhung der Verkaufszahlen führt. Der Musikverlagssprecher deutete an, dass er nicht erwartet, dass auf Dauer irgendwelche Tonträger noch als Haupt-Einnahmequelle von Musikern gesehen werden können, sagte aber auch nicht, dass die fehlenden Einnahmen dann vor allem im Interesse der Musiker stärker aus Radioeinsätzen kommen müssten und die Labels dann wohl kaum noch die Livekonzerte finanziell unterstützen werden, wie sie es heute noch für fast alle Gruppen ausser Tanzbands und Superstars machen. Einig waren sich die verschiedenen Experten allerdings darüber, dass das heutige Verhältnis zu den Radiosendern geändert werden muss &endash; wobei sowohl höhere Zahlungen an die Labels und Musiker als auch Mindestquoten für neue Musiker in Frage kommen. Auch von einer Exportförderung für deutsche Produktionen verspricht man sich etwas, da die ausländischen Programme dieser Art zumindest in einigen Ländern Erfolge gebracht haben.
Da die meisten Angestellten von Musikfirmen im Gegensatz zu den üblichen Vorurteilen ehemalige Musiker und Musikfans (allerdings nicht unbedingt Musiker-Fans) sind, gehört eine breite Pallette von Konzerten der verschiednsten Stilrichtungen zum MIDEM-Programm. Dabei werden neue oder nur in ihrem Land bekannte Gruppen vorgestellt, von denen man sich internationale Erfolge verspricht. Zusätzlich gibt es Sonderveranstaltungen wie Vorab-Livevorstellungen von wichtigen Alben oder Shows sowie in diesem Jahr eine Preisverleihung der Radio-Sendergruppe NRJ, bei der zahlreiche Stars anwesend waren.
In diesem Jahr wurde als Special-Event ein französisches Album vorab vorgestellt, das Gaia World Event, bei dem diverse Mitglieder der früher erfolgreichen Gruppen Supertramp, M-People, Moody Blues sowie Stars wie Didier Lockwood, Billy Preston und Manu Dibangu neben einem Orchester und Bläsersatz mitwirkten. Die Premiere war auch durch das hervorragende Lichtdesign superb, obwohl allgemein Zweifel an den Erfolgschancen des geplanten Albums vorherrschten. Generell waren in diesem Jahr recht viele gute Liveacts zusehen und die Zahl der DJs nahm deutlich ab. Das fiel bei der Vorstellung der brasilianischen Musikindustrie im großen Konzertsaal und einem kleineren Nebenraum des Ausstellungsgeländes ebenso auf wie bei der Präsentation der englischen Musikindustrie, bei der zum Teil Gruppen ohne Plattenvertrag auftraten, die handwerklich wie zum Beispiel die Minutemen" exzellent waren.
Minutemen-Showcase MIDEM 2003 (Photo: Antje van Hasz)
In der Hotelbar des Martinez waren dagegen an jedem Abend DJs mit Electronic Music als Vorabend-Entspannung zu hören, während später in der gleichen Bar bis in die frühen Morgenstunden kräftig gefeiert und getrunken wurde, obwohl die Getränkepreise (Euro 9,-- für ein Bier, Euro 7,-- für ein Wasser) vor allem die neuen Besucher schockierten. In diesem Jahr war allerdings die Martinez-Bar vergleichsweise weniger stark besucht als in den Vorjahren, was sowohl an einem generellen Rückgang der Besucherzahl als auch daran lag, dass die beiden anderen großen Luxushotels diesmal einen stärkeren Teil des Musikgeschäfte für die abendlichen Umtrunke anziehen konnten. Deren Preise liegen zwar in gleicher Höhe, aber sie sind traditionell mehr die Treffpunkte der Musikverleger, während im Martinez vor allem die Labels und mittelgroße Vertriebsorganisationen aus allen Ländern abstürzten.
Generell ist der Zutritt zu den Veranstaltungen auf die sogenannten Badges" beschränkt &endash; also offiziell registrierte Besucher, die zwischen Euro 300,- und 800,-- Eintritt zur gesamten MIDEM bezahlt haben. In Einzelfällen gibt es auch ein paar Karten für normale' Gäste oder spezielle Einladungen für wichtige Persönlichkeiten. Gleichzeitig ist die Badge", dass Umhängeschild mit Photo, Namen und Stellung in der Musikbranche, immer wieder ein wichtiger Punkt, zu dem Augen wandern, wenn man jemanden neu kennenlernt. Dreiste Neu-Besucher haben oft auch keine Hemmungen, direkt auf diese Badge zu starren, bevor sie sich die Mühe machen, sich mit einem Unbekannten auf der MIDEM zu unterhalten. Trotzdem ist nach wie vor leicht, auf der MIDEM neue Kontakte zu schliessen, wenn man der englischen Sprache mächtig und aufgeschlossen ist.
In diesem Jahr war die Stimmung während der MIDEM entsprechend der schlechten Situation der Branche sehr gemischt. Während es einige Erfolgsmeldungen gab, wurde doch deutlich, dass sehr viele Unternehmen massive Schwierigkeiten durch CD-Brennen und MP3-Piraterie haben und immer noch keine Übereinstimmung über gemeinsame Lösungen besteht. Noch deutlicher als in den Vorjahren war es, dass die meisten neuen Produzenten und Musiker kaum eine Chance haben, einen Vertrag mit einer Plattenfirma zu bekommen, die niemand bereits ist, den heute notwendigen Werbeaufwand in Millionenhöhe in einen neuen Star zu investieren, so lange die höchstmöglichen Verkaufszahlen oft noch nicht einmal diese Investitionen wieder einbringen können. Einige wenige positive Ausnahmen wie die steigenden CD-Verkäufe in Norwegen (im Vergleich zu den USA und Deutschland, wo sie 2002 um sieben bis zehn Prozent gesunken sind) und einigen kleinen Ländern wurden von unverbesserlichen Optimisten genutzt, um die Lage schön zu reden, wobei das meistens nach dem sprichwörtlichen Pfeifen im Wald klang.
Die Musikverlage können dagegen noch recht gut existieren und berichteten teilweise über gute Steigerungen, wobei die Erträge nicht aus den Einnahmen aus CD-Verkäufen, sondern aus den Bereichen Radio, Filmvertonung, Konzerte und zum Teil der Verwendung bekannter Stücke bei Handy-Klingeltönen in Asien kamen.
Klar war auch, dass vor allem eigenständige Musik und originelle Stars gesucht werden, während kaum Interesse an irgendeinem angeblichen Trend oder einer neuen Moderichtung besteht. In dieser Hinsicht hat sich das Musikgeschäft in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt, was aber vor allem für die Musiker und Manager oft frustrierend ist, die als MIDEM-Besucher versuchen, Stilkopien in irgendeiner Richtung bei Plattenfirmen oder Verlagen unterzubringen. Es gibt vermutlich keinen schlimmeren Gesprächsbeginn auf der MIDEM als: Ich habe da ein Demo, das klingt wie.......".
Die MIDEM ist nach wie vor die entscheidende Musikmesse weltweit und spiegelte auch in diesem Jahr wieder die Lage der Branche gut wieder. Für professionelle Produzenten und alle anderen, die berufsmässig weltweite Kontakte im Musikgeschäft suchen, ist der Besuch obligatorisch. Für rein lokal orientierte Produzenten und Musiker lohnt sich allerdings schon aus Kostengründen eher der Besuch der PopKomm.
Text: Alex Merck, Photos: Antje van Hasz